Kritik am Voluntourismus: Das Geschäft mit der Freiwilligenarbeit

Lesezeit: 6 Minuten

Sich anderswo auf der Welt für Menschen, Tiere und Umwelt einsetzen: An dieser Grundidee gibt es nichts auszusetzen.

Trotzdem gerät der sogenannte Voluntourismus, also die Kombination aus Reisen und Freiwilligenarbeit, immer mehr in die Kritik.

Zwar gibt es in Deutschland und Europa Anbieter mit ehrlichem Interesse daran, nachhaltig etwas im anderen Land zu bewirken.

Leider aber auch solche, die in der Hilfsbereitschaft der Reisenden ein lukratives Geschäft sehen.

Statt wirklicher Freiwilligenarbeit bieten sie überteuerte Urlaubsreisen an, die zusätzlich ein paar Arbeitsstunden in einem sozialen Projekt beinhalten. Oft sogar dann, wenn gar kein Bedarf an Helfern besteht.

Wir erklären, worauf Du achten solltest, bevor Du Dich für ein Programm entscheidest.

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Zusammenfassung: Genau auf den Anbieter achten

  • Bei kommerziellen Anbietern ist oft schwer zu erkennen, wer der Vertragspartner ist und welche Leistungen enthalten sind.
  • Die Kritik am sogenannten Voluntourismus: Es handle sich oft um überteurte Urlaubsreisen ohne echten Mehrwert.

Staatliche oder kommerzielle Freiwilligenarbeit: Was ist der Unterschied?

Auf der einen Seite gibt es den staatlich organisierten Freiwilligendienst.

In Deutschland zum Beispiel den Bundesfreiwilligendienst, den man auch im Ausland absolvieren kann. Oder den Europäischen Freiwilligendienst.

Die Programme sind staatlich finanziert und verpflichten sich zu gesetzlich festgelegten Standards wie eine pädagogische Betreuung der Freiwilligen.

Die Aufenthalte dauern zwischen sechs Monate und zwei Jahre.

Freiwillige müssen sich bewerben und ihre Vorkenntnisse und Kompetenzen werden berücksichtigt (zum Beispiel Erfahrung im Umgang mit Kindern). Außerdem gibt es vorbereitende Trainings.

 

Demgegenüber stehen die kommerziellen Anbieter.

Auf den ersten Blick bieten sie Vorteile: Die Mindestdauer ist flexibler und beginnt oft schon bei zwei Wochen.

Jedoch ist zu beachten, dass gerade im sozialen Bereich ein längerer Aufenthalt empfehlenswert ist, da ständig wechselnde Bezugspersonen besonders für Kinder oder ältere Menschen belastend sein können.

Ob und wie Teilnehmende vorher geprüft werden, obliegt dem Veranstalter. Dies kann dazu führen, dass Volunteers für Tätigkeiten eingesetzt werden, für die sie nicht geschult sind.

Gerade durch die kommerziellen Anbieter wurde der in die Kritik geratene Begriff Voluntourismus (= Volunteering + Tourismus) oder auch Volunteer Tourism geprägt.

Diese Form der Urlaubsreise mit integrierter Freiwilligenarbeit befriedige lediglich den Wunsch der Reisenden, zu helfen. In Wahrheit passiere aber das Gegenteil.

Bei wem buche ich da eigentlich?

Wenn man online nach Freiwilligen-Programmen sucht, wird man schnell fündig.

Für Reisende ist jedoch schwer zu erkennen: Ist derjenige, der die Webseite betreibt, auch der Veranstalter? Wer ist eigentlich mein Vertragspartner?

Wir geben einen Überblick über Arten von Freiwilligen-Portalen, die online zu finden sind:

  • Vermittler: Ein Vermittler stellt lediglich eine Vergleichsplattform zur Verfügung, auf der andere ihre Freiwilligen-Programme einstellen können. Der Vertrag kommt nicht mit der Plattform zustande, sondern mit derjenigen Organisation, die den Freiwilligendienst letztlich veranstaltet. Oft wird zusätzlich eine Gebühr an die Plattform fällig.
  • Reiseveranstalter: Viele Angebote, die wie Freiwilligendienst aussehen, sind eigentlich Urlaubsreisen. Genauer gesagt Pauschalreisen, die neben der Übernachtung Elemente wie Verpflegung und eben das Nachhaltigkeitsprojekt beinhalten.
  • Mischform: Manche Online-Plattformen haben sowohl eigene Angebote (Reiseveranstalter) als auch Angebote von anderen Organisationen (Vermittler). Hier ist es besonders schwer zu unterscheiden, wer der Vertragspartner ist.

Das Problem mit dem Voluntourismus

Undurchsichtige Preise

Oft sind die Reisen teurer als eine Urlaubsreise an den gleichen Zielort.

Man erhält den Eindruck, das zusätzliche Geld würde den Menschen vor Ort zugutekommen. Ob dem wirklich so ist, ist meist schwer nachzuvollziehen.

Kein Bedarf an Helfern

Da das Interesse des Anbieters kommerziell ist, kommt es ihm weniger darauf an, ob gerade wirklich helfende Hände gebraucht werden.

Deshalb wird oft auch dann in Freiwilligenprojekte vermittelt, wenn gar kein Bedarf besteht. Das kann der Bevölkerung vor Ort zusätzliche Arbeit machen.

Auch für die Reisenden ist das Gefühl, überflüssig zu sein, unangenehm.

Konkurrenz zu lokalen Arbeitskräften

In einigen Fällen gibt es ausreichend Hilfskräfte vor Ort.

Als Volunteer läuft man also Gefahr, der lokalen Bevölkerung unwissentlich Arbeitsplätze wegzunehmen.

Kurze Aufenthaltsdauern

Staatliche Freiwilligendienste sind bewusst auf mehrere Monate bis ein oder zwei Jahre angelegt.

Sowohl für die Freiwilligen selbst als auch für die Menschen vor Ort ist die Erfahrung so nachhaltiger.

Bei Projekten mit Kindern oder Senioren können ständig wechselnde Bezugspersonen kontraproduktiv sein. Außerdem kann die eigene Arbeitskraft auf einen längeren Zeitraum effektiver eingesetzt werden (Stichwort Einlernphase).

Kaum Eignungsprüfung

Es gibt keine Standards für die Auswahl von Helfenden.

Jeder kommerzielle Anbieter kann selbst festlegen, welche Bedingungen er an die Volunteers stellt.

Das kann dazu führen, dass Laien für Tätigkeiten eingesetzt werden, für die sie nicht geschult wurden (beispielsweise Kinder mit Handicap betreuen, ein Haus bauen oder medizinische Aufgaben).

Checkliste: Darauf solltest du achten, bevor Du Dich für Voluntourismus entscheidest

  • Mit wem habe ich es zu tun? Lies in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) genau nach, mit wem Du einen Vertrag abschließt.
  • Was ist im Urlaubspaket enthalten? Übernachtung, Verpflegung, Projektarbeit? Nicht immer ist die Anreise mit inbegriffen. Diese Kosten kommen dann noch zusätzlich auf Dich zu.
  • Wie sehen die Leistungen konkret aus? Hake nach: Um welche Form der Übernachtung handelt es sich (WG, Einzelzimmer usw.)? Wie sieht es mit der Verpflegung aus (nur Lebensmittel oder fertige Mahlzeiten)? Wie viele Arbeitsstunden und wie viel Freizeit?
  • Wie nachhaltig ist das Programm? Anbieter, die rein gewerblich handeln, achten nicht unbedingt auf die ökologische oder soziale Verträglichkeit der Projekte. Manche gehen aber auch mit gutem Beispiel voran. Anerkannte Gütesiegel können ein Hinweis auf Nachhaltigkeit sein, zum Beispiel das TourCert-Label. Achtung, manche Veranstalter vergeben sich selbst Siegel.

Alternativen zum Voluntourismus

Wer wenig Zeit hat und sich nicht bewerben möchte, für die- oder denjenigen können kommerzielle Anbieter für Freiwilligenarbeit durchaus eine Option sein.

Unsere Tipps helfen, weniger seriöse Angebote von den sinnvollen zu unterscheiden.

Wer die Möglichkeit dazu hat, dem empfehlen wir dennoch staatlich organisierte Programme wie den Bundesfreiwilligendienst.

Auch eine Idee: Sich nach Initiativen vor der eigenen Haustür umhören und etwas Gutes tun, ganz ohne zu verreisen.