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Zahnbehandlung in Ungarn: Kompetent mit "Konsument"

Was unterscheidet eine Zahnbehandlung in Österreich von einer Zahnbehandlung in Ungarn? Wie sieht es aus mit der Behandlung, der Qualität des Materials und den Kosten?

Unsere Kollegen vom Europäischen Verbraucherzentrum in Wien haben deshalb in einem kleinen Test einem ungarischen Zahnarzt bei der Behandlung ohne dessen Wissen „über die Schulter geschaut“.




Zahnbehandlung in Ungarn

 

Ohne Zähneknirschen

 

Früher oder später erwischt es so gut wie jeden – ein Zahnersatz wird fällig. Das Prozedere ist nicht nur unangenehm, sondern auch teuer. Die Kosten können sich rasch auf mehrere Tausend Euro summieren. Deshalb steht eine Behandlung jenseits der Grenze in Ungarn hoch im Kurs.

 

Doch viele Patienten sind unsicher. – "Können Sie die Einrichtung X empfehlen? Ist die Qualität des Zahnersatzes dort genauso gut wie in Österreich? Was ist, wenn Komplikationen auftreten?" Dies sind nur einige der Fragen, die uns immer wieder erreichen. Ein vergleichender Test, der Ausführung und Qualität von Implantaten, Kronen und Brücken im In- und Ausland bewertet, ist leider aus verschiedenen Gründen (hohe Kosten, Finden geeigneter Testpersonen ) nicht möglich.

 

 

Über die Schulter geschaut

 

Also haben wir den Ärzten in einer ungarischen Ordination ohne deren Wissen "über die Schulter geschaut“. Eine Patientin ließ sich im Grenzort Mosonmagyaróvár zwei Zahnimplantate setzen und hat ihre Erfahrungen von der Erstuntersuchung bis zum fertigen Implantat sorgfältig protokolliert. Wir haben diese Informationen mit einem ähnlichen Eingriff (ebenfalls zwei Implan­tate im Unterkiefer) verglichen, der fast zeitgleich in Wien erfolgte.

 

 

Tipp aus dem Bekanntenkreis

Karin P. (Name geändert) entscheidet sich aus Kostengründen für den Weg nach Ungarn (Zahnersatz für die Zähne 6 und 7 links im Unterkiefer). Den Tipp für die Ordination hat sie von einem ­Arbeitskollegen erhalten, der dort seit Jahren in Behandlung ist. Das lässt ihre Vorbehalte gegen eine Behandlung im Ausland und den relativ langen Anfahrtsweg von gut einer Stunde in den Hintergrund treten.

 

 

Zuvorkommend und deutschsprachig

Weitere Sicherheit gibt ein unangemeldeter Besuch in der Ordination, bei dem sich ­erste Pluspunkte zeigen: Sowohl der Zahnarzt als auch die Ordinationshilfe sprechen perfektes Deutsch. Die Praxis macht einen sauberen und modernen Eindruck. Positiv regis­triert P., wie zuvorkommend und freundlich man ihr begegnet. Der Zahnarzt bietet ihr eine unverbindliche Vorunter­suchung an. Dabei konstatiert er, dass aufgrund des schmalen Kieferknochens die Expertise eines Kieferchirurgen notwendig sei, um die Möglichkeiten für einen Zahn­ersatz (Implantat bzw. Brücke) endgültig beurteilen zu können.

 

 

Kieferchirurg und Zahnarzt anwesend

 

Beim ersten offiziellen Untersuchungstermin sind Kieferchirurg und Zahnarzt anwesend. Auf Basis eines in der Ordination angefertigten Panoramaröntgenbildes (Kosten 40 Euro) rät der Chirurg zu einem Implantat, da bei einer Krone die benachbarten gesunden Zähne abgeschliffen werden müssten. Anhand eines Aufklärungsbogens, einer deutschsprachigen Informationsbroschüre sowie eines Zahnmodells wird die Patientin über den genauen Ablauf des Eingriffs und mögliche Komplikationen aufgeklärt.

 

 

Fragen nach der Gesundheit

 

Zudem erkundigt sich der Arzt nach bestehenden Krankheiten wie Allergien, Bluthochdruck, Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Die Gesamtoperationsdauer für beide Implantate wird mit 30 Minuten angegeben. Zwischen OP und Kronenaufsatz veranschlagt der Zahnarzt eine min­destens dreimonatige Einheilungsphase. Insgesamt fühlt P. sich sehr gut beraten.

 

 

Medikamente auf Rezept

 

Da eine Allergie gegen Acetylsalicylsäure besteht, rät ihr der Zahnarzt, sich vor dem vereinbarten OP-Termin vom österreichischen Hausarzt ein Rezept für ein geeig­netes Antibiotikum (Augmentin) sowie ein Schmerzmittel (Parkemed 500) ausstellen zu lassen. Für die Nachbehandlung wird drei Mal täglich eine Spülung mit Chlor­hexamed empfohlen.

 

Mögliche Komplikationen, die sich aus dem Eingriff ergeben könnten, werden allerdings nicht angesprochen. Als die Patientin nachfragt, wird ihr versichert, dass aufgrund der vorliegenden Konstellation kaum mit Komplikationen zu rechnen sei. Auftretende Schmerzen könnten durch die Einnahme von Schmerztabletten gelindert werden. Haftung, Gewährleistung oder Garantie bei schadhaftem Zahnersatz werden nicht angesprochen.

 

 

Handschriftlicher Kostenplan

 

Nach dem Untersuchungstermin wird ein handschriftlicher Kostenplan erstellt. Je Implantat werden 620 Euro (für zwei Implantate 1.240 Euro) kalkuliert, dazu kommen 40 Euro für das Panoramaröntgen sowie 520 Euro für beide Kronen (P. entscheidet sich für die ­teuerste angebotene Lösung aus Zirkon zum Preis von 260 Euro pro Krone). Die beiden Implantate kosten die Patientin somit insgesamt 1.800 Euro.

 

 

Ausgaben: insgesamt rund 2.350 Euro

 

Bezieht man die elf Autofahrten nach Ungarn in die Bilanz mit ein (unangemeldeter Besuch, Erstuntersuchung, Operation, Kontrolltermin und Fäden ziehen, Einsetzen der Schrauben, Einsetzen der Gewindestangen und Abdrucknehmen für die Kronen, provisorisches Einsetzen der Kronen, Kontrolltermine) und kalkuliert pro Fahrt mit 50 Euro (Benzin- und Verschleiß­kosten), summieren sich die Ausgaben auf insgesamt rund 2.350 Euro. Bei ihrem österreichischen Zahnarzt hätte P. mehr als das Doppelte bezahlen müssen.

 

 

Rückerstattung nicht angesprochen

 

Eine mögliche Kostenrückerstattung durch die Krankenkasse wird weder vom Zahnarzt noch vom Kieferchirurgen angesprochen. Die Patientin verlangt nach der Operation von sich aus eine Zwischenrechnung, um ­diese bei ihrer Krankenkasse einzureichen (manche Kassen leisten einen Beitrag).

 

 

Operation zwei Wochen nach Erstuntersuchung

 

Die Operation erfolgt zwei Wochen nach der Erstuntersuchung. Die Patientin wird nochmals über die Abfolge des Eingriffs und die nötige Nachsorge (Antibiotikaeinnahme, Chlorhexamed-Spülungen) informiert und gebeten, eine Einverständniserklärung zu unterzeichnen. Während der OP assistieren drei Ordinationshilfen. Die Lokalanästhesie (fünf Injektionen) wird durch den Chirurgen verabreicht, unmittelbar vor dem ersten Schnitt erfolgt eine Desinfektion des Mund­raumes mit Chlorhexamed.

 

 

Gesicht desinfiziert

 

Das Gesicht der Patientin wird ebenfalls desinfiziert und mit einem OP-Tuch abgedeckt. Der Eingriff selbst (Bohrungen mit Nassbohrer in den Kieferknochen und Einsetzen der Implantate) dauert zehn Minuten. Während des Eingriffs ­erläutert der Chirurg die verschiedenen Schritte. Im Anschluss an die Operation wird die Wunde vernäht und nach einer kurzen Erholungsphase eine Röntgenaufnahme zur Kontrolle (Panoramaröntgen) veranlasst, die nicht in Rechnung gestellt wird.

 

 

Keine Komplikationen

 

Der Eingriff verläuft schmerz- und kom­plikationsfrei und der Chirurg äußert sich nach dem Betrachten des erstellten Röntgenbildes sehr zufrieden. Das Taubheits­gefühl im Unterkieferbereich hält bis zum nächsten Tag an, im weiteren Verlauf treten keine Schmerzen auf. Vor dem Verlassen der Ordination wird der Patientin ein ­Implantationsausweis ausgehändigt. Dieser sei, so der Arzt, bei der einmal jährlich notwendigen Kontrolluntersuchung vor­zulegen. Weniger gut verträgt die Patientin das Antibiotikum. Sie leidet unter Schwindelgefühl und Kopfschmerzen.

 

 

Sehr gute Wundheilung

 

Die Kontrolle und das Ziehen der Fäden erfolgt eine Woche nach dem Eingriff durch den Chirurgen, der die Operation ausgeführt hatte. Der Arzt konstatiert einen sehr guten Wundheilungsprozess und macht die Patientin darauf aufmerksam, bei auftretenden Komplikationen sofort einen Untersuchungs­termin zu vereinbaren. Bei einem weiteren Kontrolltermin, rund sechs Wochen nach dem Eingriff, werden ebenfalls keine Komplikationen festgestellt. Der Chirurg erläutert bei diesem Termin auch das weitere Vor­gehen beim Einsetzen der Kronen.

 

 

Gewindestifte eingesetzt

 

Vier Monate nach der OP werden die ­Gewindestifte vom Kieferchirurgen unter lokaler Betäubung eingesetzt. Der Eingriff verläuft ebenfalls problemlos und dauert inklusive örtlicher Betäubung 15 Minuten. Der Chirurg empfiehlt, beim Auftreten starker Beschwerden ein Schmerzmittel ein­zunehmen und dreimal täglich mit Chlorhexamed zu spülen. Eine Woche später kontrolliert er den Sitz der Schrauben. Der Zahnarzt erstellt den Abdruck für die ­Implantatkronen und nimmt den Farbabgleich für die Kronen vor.

 

 

Vier Wochen später Implantatkronen

 

Vier Wochen später sollen die Implantatkronen eingesetzt werden. Da die Zahnlücke bereits seit fünf Jahren besteht und Irritationen beim Biss wahrscheinlich sind, rät der Zahnarzt dazu, die Implantatkronen zunächst provisorisch (mit Probezement) einzusetzen und sie erst nach einer Gewöhnungsphase von einigen Wochen endgültig zu fixieren. Doch es ­treten keine Komplikationen auf und die Patientin gewöhnt sich sehr rasch an die Prothese. Drei Wochen später werden die Kronen endgültig befestigt

 

 

 

Implantat in Wien: ein Vergleich

 

Fast zeitgleich mit unserer Testperson ließ sich einer unserer Mitarbeiter in Wien zwei Implan­tate (ebenfalls Unterkiefer) setzen.

 

Die Operation erfolgte an der Wiener Universitätszahnklinik, die Implantatkronen wurden in der Ordination des Zahnarztes eingesetzt. Die Erfahrungen des Testers in Wien decken sich, was die Vorgangsweise (Aufklärung, Eingriff und Nachsorge) angeht, weitgehend mit den Schilderungen unserer Testperson in Ungarn.

 

Um einen besseren Vergleich ziehen zu können, besuchte unser Wiener Tester ebenfalls anonym die Ordination in Ungarn. Die dortigen Verhältnisse erwiesen sich dabei aus seiner Sicht als mit den Standards der österreichischen Ordination vergleichbar. In beiden Fällen kamen Titanimplantate sowie Zirkonkronen zum Einsatz.

 

 

Ähnliche Behandlung

 

In Wien wurden Produkte des Herstellers Nobel Biocare verwendet, in Ungarn Implantate des deutsch-schweizerischen Herstellers Camlog. Bei beiden Patienten traten keine Komplikationen auf. Die Implantate erwiesen sich in beiden Fällen als sehr gut verträglich und belastbar.

 

 

Unterschiedliche Kosten

 

Ein wesent­licher Unterschied besteht, was die Kosten anbelangt. In Wien bezahlte unser Tester für beide Implantate insgesamt knapp 4.900 Euro. Darin ­enthalten ist eine Computer­tomographie für 290 Euro, die der Kieferchirurg zur zusätzlichen Absicherung empfahl. In Ungarn war dies kein Thema.

 

 

 

Zahnbehandlung in Ungarn: kompetent mit "Konsument"

 

  • Kosten. In Ungarn ist Zahnersatz in der Regel deutlich günstiger als in Österreich. Je nach Operateur/Zahnarzt und Material sind Einsparungen von über 50 Prozent möglich.

  • Zahnarztsuche. Empfehlungen aus dem Freundes- und Bekanntenkreis können bei der Auswahl unter Umständen weiterhelfen. In jedem Fall sollte man sich persönlich ein Bild vor Ort machen. Sehen Sie sich in der Ordination um, reden sie mit dem Arzt und scheuen Sie nicht davor zurück, andere Patienten zu befragen, die Sie in der Ordination antreffen.

  • Erreichbarkeit. Treten Komplikationen auf, kann sich der relativ lange Anfahrtsweg nicht nur aufgrund des erhöhten Zeitbedarfs als Nachteil erweisen. Zudem sollten Sie, wenn ein Eingriff erfolgt, keinesfalls selbst mit dem Auto fahren. Jede Operation schwächt den Organismus und die Nebenwirkungen einer örtlichen Betäubung sind nicht zu unterschätzen.

  • Gewöhnung. Bis man sich mit dem neuen Zahnersatz angefreundet hat, dauert es eine gewisse Zeit. Nachwirkungen der Operation bzw. ein Fremdkörpergefühl im Mund sollten allerdings nach 4 bis 6 Wochen abgeklungen sein. Wer dann immer noch Probleme mit dem richtigen Biss hat, sollte beim Zahnarzt reklamieren.

 

 

Quelle:
Diese Information wurde mit freundlicher Genehmigung des
Europäischen Verbraucherzentrums Wien übernommen.




Stand: 09.12.2009
Verbraucherzentrale Schleswig-Holstein